„Bürger, Umwelt und die Stadt profitieren“

Energie-Experte Ulrich Kelber sieht viele Vorteile in erneuerbaren Energien

„Den erneuerbaren Energien gehört die Zukunft.“ Das erklärte Energieexperte Ulrich Kelber beim gut besuchten Vor-Ort-Gespräch der SPD Borgentreich. In der Bördestadt hört man so etwas gern, schließlich ist sie Vorreiter auf diesem Gebiet. Das unterstrich auch Bürgermeister Bernhard Temme. Als sich eine Stau-bedingte Verspätung des Referenten abzeichnete, sprang der Verwaltungschef kurzerhand ein.

Im Dialog mit Moderator Werner Böhler stellte er dar, dass in Borgentreich schon heute deutlich mehr Strom aus erneuerbaren Energien produziert als überhaupt verbraucht wird. So stehe die kleine Stadt in NRW an der Spitze der Solar-Liga. Temme wollte jedoch nicht verhehlen, dass der Ausbau der Erneuerbaren Energien auch Konflikte mit sich bringe. „Wir setzen deshalb auf eine Beteiligung der Bürger. Dadurch steigt die Akzeptanz, auch für vermeintliche Belastungen.“

Für Ulrich Kelber sprechen drei wesentliche Gründe für den Ausbau der erneuerbaren Energien: „Erstens: der ökologische Aspekt. Es gibt ja nicht nur das Risiko, das mit der Atomkraft verbunden ist. Selbst wenn man die CO2-Emissionen der fossilen Energieträger völlig ausblendet, muss man feststellen, dass der Uranabbau oder die Braunkohleförderung eine gigantische Zerstörung hinterlassen.“

Als zweiten Grund führte der Vorsitzende des SPD-Forums Nachhaltigkeit den sozialen Aspekt an: „Die ständig steigenden Preise für fossile Energien wie Heizöl und Erdgas stellen vor allem für kleine Einkommen eine hohe Belastung dar.“ Und drittens sei der Ausbau der erneuerbaren Energien auch ökonomisch von Vorteil, so der Träger des deutschen Solarindustriepreises und der Ehrenmedaille des Fachverbandes Biogas. „Durch die erneuerbaren Energien wird nicht nur die deutsche Industrie gestärkt, die auf diesem Gebiet sehr innovativ ist.“

Auch das örtliche Handwerk und die Landwirtschaft könnten profitieren. „Das gilt insbesondere für diese Region: Sie kann eine Plus-Region werden, die den großstädtischen Raum mitversorgt.“ Davon hätten letztlich auch die Bürger Vorteile. „Durch die erneuerbaren Energien erschließen sich für die Gemeinden Einnahmequellen. Diese können dazu beitragen, dass beispielsweise einem Schwimmbad das Aus erspart wird.“

Im Großen und Ganzen passt für den stellvertretenden Vorsitzenden der SPD-Bundestagsfraktion die aktuelle Richtung der Energiepolitik, die seit dem Reaktorunfall von Fukushima den Ausbau der Erneuerbaren forciert. „Aber es sind noch einige Hausaufgaben zu machen.“ Diese wurden in der anschließenden Diskussion besonders deutlich. Einige Diskussionsteilnehmer zeigten sich besonders kritisch, was die Förderung von Solarmodulen aus China angeht. Ein Aspekt, den Kelber zwar nachvollziehen konnte – „wir müssen das Dumping bekämpfen“ – aber auch relativierte: „Auch an chinesischen Modulen verdienen deutsche Unternehmen.“ Es gelte, die Qualität der deutschen Modulen stärker in den Fokus zu rücken.

Als problematischer sah der Politiker einen anderen Aspekt an: „Die Solarvergütung darf schneller gesenkt werden. Aber sie muss verlässlicher geregelt werden. Investoren brauchen Planungssicherheit. Die Förderungen müssen daher für fünf oder sogar besser für zehn Jahre festgelegt werden.“

Ein Körbecker Bauer beklagte die Gefahr der Mais-Monokultur, die durch die steigende Zahl von Biogasanlagen stetig zunehme: „Dabei wird alles auf den Kopf gestellt, was ich als Bauer gelernt habe.“ Damit stieß er bei Ulrich Kelber auf offene Ohren. „Nach Studien können wir ein Drittel bis 40 Prozent der Flächen für nachwachsende Rohstoffe nutzen. Dennoch müssen wir Monokulturen viel radikaler bekämpfen.“ Hier stehe die Politik jedoch noch am Anfang: „Wenn Sie mich jetzt nach geeigneten Instrumenten fragen, muss ich leider passen. Das muss noch intensiv diskutiert werden.“

Zum Abschluss hatte Kelber einen Tipp für die anwesenden Kommunalpolitiker parat: „Wir können nicht alles in Berlin oder Düsseldorf regeln – einiges kann auch vor Ort gesteuert werden.“ Dafür nannte er ein konkretes Beispiel aus seiner Heimatstadt Bonn: Wer bei der Stadt einen alten Kühlschrank entsorgt und einen neuen energieeffizienten Kühlschrank kauft, bekommt einen zinslosen Kredit für das neue Gerät. Gleichzeitig bindet er sich für zwei Jahre an die heimischen Stadtwerke. „Ein Modell, von dem die Stadt, die Bürger und die Umwelt gleichermaßen profitieren“, so das Fazit des SPD-Politikers.

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